SURRENDER

Wie viele Male ist sie gefallen. Wie viele Male konnte sie sich retten. Wie viele Male ist sie hart aufgeschlagen. 

 

Dieses Mal, so sagt sie sich, soll alles anders sein. Dieses Mal, so sagt sie sich, ist sie vorbereitet.

 

Surrender*. Ein Wort, das ihr seit Wochen immer wieder begegnet...fast so, als sei es ihr zielgenau von irgendwo her zugeschickt worden. 

 

Surrender: Hingabe. Kapitulation. 

 

Was denn nun? Kapitulation ODER Hingabe? 

 

Gibt es denn einen Unterschied? Sie denkt an Kapitulation und fühlt Schwäche. Sie denkt an Hingabe und fühlt Stärke. 

 

Obwohl sie schon so oft die Erfahrung gemacht hat, dass ihre Stärke weder den Sturz noch den Aufschlag vermeiden kann, will sie stark sein. Sie will sich hingeben. Dessen ist sie sich sicher. 

 

Stark sein bedeutet, alles anzunehmen. Stark sein bedeutet, alles zu akzeptieren. Stark sein, bedeutet sich hinzugeben.

 

Oder etwa nicht? 

 

Ihre Angst schreit verzweifelt „Sieh mich endlich an!!!“ und verwandelt sich vor lauter Verzweiflung in rasende Panik. 

 

Und so fällt sie auch dieses Mal voller Stärke in ihre tiefsten Tiefen. Nur um festzustellen, dass der Aufschlag nicht schmerzvoller hätte sein können. 

 

Hatte sie nicht alles richtig gemacht?

Hatte sie sich nicht gut genug vorbereitet?

War sie einfach nicht stark genug? 

Hatte sie sich sich zu wenig angestrengt?

 

„Oh doch Liebes, du hast dich sehr angestrengt. So sehr, dass du dabei etwas vergessen hast. Du hast dich so akribisch auf deinen Sturz und den folgenden Aufschlag vorbereitet, dass du das Wesentlichste des ganzen Prozesses übersehen hast“.

 

„Surrender“ flüstert es. 

Die vermeintliche Schwäche in der vermeintlichen Stärke. 

 

Sich ausliefern. 

Unwissend. 

Gedankenlos. 

Sein lassen. 

 

Kapitulation. Hingabe. Schwäche. Stärke. 

So widersprüchlich und gleichzeitig so untrennbar. 

 

Sie fällt. 

Unkontrolliert. 

Geschmeidig. 

 

Die Zeit scheint sich zu verlangsamen und für einen kurzen Augenblick sogar völlig stehen zu bleiben. Und je weniger sie sich anstrengt, desto deutlicher kann sie sich fühlen. Sie fühlt wie der Luftwiderstand sie umhüllt, sie liebkost, in sie hinein und durch sie hindurch strömt, mit ihr verschmelzt und sie schließlich sanft in ihre Tiefen gleiten lässt. 

 

Ein stummer befreiender Schrei. 

Unaussprechlicher Schmerz. 

Wundersame Freude. 

Bittersüße Tränen. 

 

Sie wird eins mit ihrem Sturz. 

Sie ist. Der Sturz. 

 

War sie etwa schon unten angekommen? 

Mit geschlossenen Augen liegt sie da, hört und fühlt wie ihr Atem gleichmäßig ihren ganzen Körper durchströmt, spürt wie ihr Herz sich angenehm weitet und sich gleichzeitig ein Gefühl von tiefer Geborgenheit in ihr ausbreitet.

 

Feuchte glänzende Augen. 

Ein strahlendes dankbares Lächeln.

Ein leises liebevolles Flüstern. 

 

Surrender

 

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* englisch für „Kapitulation, Hingabe“